Tradition und Moderne

Traditionelle Kampfkunst?

Wing Chun wurde über mehrere Generationen entwickelt und an die nächsten Generationen überliefert. Die historischen Ursprünge des Wing Chun liegen weitgehend im Dunkeln, doch gibt es Vermutungen darüber, dass diese Kampfkunst etwa 300 Jahre alt ist.

Die einzige schriftliche Überlieferung über das Wing Chun, das wir praktizieren, stammt von Grandmaster Ip Man selbst. Er selbst hat die Legende über die Entstehung des Wing Chun-Stils verfasst. Dennoch wissen wir leider nicht, wie das Wing Chun ausgesehen hat, das Ip Man von seinen Lehrern übernommen hat. Es ist auch nicht klar, welche Einflüsse anderer Stile die Entwicklung des Wing Chun bis hin zu seiner heutigen Form geprägt haben. Es ist zum Beispiel bekannt, dass Grandmaster Ip Man die Lehre der 5 Elemente aus dem Wing Chun-System entfernt hat, um das Wing Chun  leichter erlernbar zu machen. Die 5-Elemente-Lehre findet sich aber heute noch im Hsing-I (Xinjiquan), einer der drei bekannten “inneren Kampfkünste” Chinas (neben Tai Chi und Ba Gua). Man kann also vermuten, dass das heutige Wing Chun, durch verschiedene Kampfkünste beeinflusst wurde und durch die Generationen hinweg ergänzt wurde, wie z.B. durch die Aufnahme der Langstock- und der Doppelmesserform in das System.

Dabei verstehen sich die asiatischen Kampfkünste traditionell als ein Familiensystem, da die Kampfkunst früher nur an wenige Schüler im Verborgenen weitergegeben wurde. Diese Tradition spiegelt sich ja immer noch in der traditionellen Anrede von Schülern und Lehrern wider.

Da sich das Moderne Wing Chun über mehrere Generationen hinweg bis in seine heutige Form entwickelte, ist es auch ein effektives System zur Selbstverteidigung. Das Wissen, wie Wing Chun zu einem solch effektiven System entwickeln konnte, ist in den überlieferten Formen enthalten, die sich einerseits durch Überlieferung erhalten haben, aber auch durch die Generationen hinweg verändert haben. Grandmaster Ip Man hat bekanntermaßen die Formen, die er gelernt hat, verändert und vereinfacht duch das Weglassen von sich oft  wiederholenden Elementen. Die sechs Formen, die nun im Ip Man Wing Chun übrig sind, sind das Grundkonzept des Wing Chun und das Vermächtnis Ip Man´s an die Nachwelt.

Moderne Selbstverteidigung!

Wing Chun ist wohl der effektivste Kung Fu-Stil für die Selbstverteidigung. Die Effektivität basiert auf den ihm zugrunde liegenden logischen Prinzipien und dem Wissen um die Funktionsweise der anatomischen Körpermechanik in den einzelnen Techniken.

Für die oben genannten Aspekte gibt es im Training die Bewegungsformen, in denen die Wing Chun-Prinzipien der Selbstverteidigung und die korrekte Körpermechanik der einzelnen Techniken unterrichtet werden. Und gerade weil Wing Chun auf der natürlichen Körpermechanik basiert, ist es für jedermann sehr schnell und ohne besondere Voraussetzungen in jedem Alter erlernbar.

Ebenso muss eine Kampfkunst, die eine außerordentliche Effektivität für sich beansprucht, äußere Faktoren wie z.B. die eigene Körpergröße und die Größe des Angreifers, die Geschwindigkeit, Distanz, Härte und Richtung eines Angriffes berücksichtigen, damit man sie tatsächlich als eine “vollständige Kampfkunst” bezeichnen kann.

Im Training entwickelt der/die Schüler/in mithilfe der speziellen Trainingsmethode der „Klebenden Hände“ die Fähigkeit, gegnerische Kraft und die Richtung eines Angriffes zu spüren und für sich nutzbar zu machen. Diese besondere Trainingsmethode ist ein ausgefeiltes Training der taktilen Wahrnehmung für blitzschnelle reflexartige Reaktionen auf unvorhergesehene Angriffe. Sie unterscheidet Wing Chun von allen anderen Selbstverteidigungskünsten und ist somit besonders gut für Frauen geeignet, die eine effektive Methode suchen, sich gegen unvorhergesehene Übergriffe wehren zu können.

Wie bereits erwähnt, kommt Wing Chun aus der taoistischen Tradition. Taoisten waren und sind Naturphilosophen, die durch Beobachtung der Natur Erkenntnisse über das Leben und dessen Gesetzmässigkeiten gewonnen haben. Aufgrund der eigenen Erfahrungen und durch Beobachten der Vorgänge im Training wird das gewonnene Wissen ständig von den Schülern überprüft und auf die eigenen Gegebenheiten angepaßt. Insofern ist die Überprüfbarkeit und die Wiederholbarkeit der Ergebnisse im Training ist “Wissenschaft”!

Der Erlernen von Wing Chun ist daher nicht physisches Training im Sinne eines “Drill-Trainings”, in dem man ständig festgelegte Kombinationen lernt, “weil man das immer schon so gemacht hat”, sondern ständige Analyse und Verbesserung des Gelernten.

Die notwendige Wiederholung von Bewegungen ergibt sich innerhalb des Lernens. Das Training ist somit für den Schüler oder die Schülerin “praktische Wissenschaft”, in der er oder sie das eigene Wing Chun entwickelt.

Ein Lernprozess für die Bewusstwerdung dessen, wie der Schüler oder die Schülerin den eigenen Körper benutzt und wie das Zusammenspiel von Körper, Geist und Wahrnehmung funktioniert und verbessert werden kann. Für eine effektive Kampfkunst ein ganz wesentlicher Aspekt, da im Ernstfall die eigene Kampfkunst auch funktionieren soll.

Die Prinzipien des Wing Chun machen es zu einer rationalen und wissenschaftlichen Methode der Selbstverteidigung, in der Tradition und Wissenschaft zu einer Einheit werden.

In Formen steckt das überlieferte Wissen und die Entwicklungsgeschichte einer Kampfkunst, die über mehrere Generationen hinweg entwickelt wurde. Daher ist Wing Chun traditionelle Kampfkunst. Moderne Selbstverteidigung deswegen, weil Wing Chun immer wieder im Hier und Jetzt neu entdeckt und angewendet wird.

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