Über die Kampfprinzipien

Über die Kampfprinzipien

Der Unterschied der Kampfprinzipien im WingTsun und dem Ip Man Wing Chun – unter besonderer Berücksichtigung der Konzepte und Aussagen von Herrn Keith Kernspecht.

Ein kurze Einleitung

In diesem Aufsatz werden die Unterschiede der 3 Kampfprinzipien nach dem Ip Man Wing Chun-System und den 4. Kampfprinzipien nach dem WingTsun-System, wie es sich derzeit nach der Interpretation von Herrn Kernspecht, Leiter der Europäischen WingTsun Organisation darstellt.

Nach der Darstellung der ersten beiden Kampfprinzipien im WingTsun nach Herrn Kernspecht folgt eine kurze Diskussion der beiden Kategorien „Ritualkampf“ und „Überfall“, die seit einigen Jahren in der Literatur über WingTsun und Selbstverteidigung eine nicht unerhebliche Rolle spielen.

Im Unterschied dazu werden danach die 3 Kampfprinzipien nach dem Ip Man Wing Chun-System beschrieben. Aufgrund dieser unterschiedlichen Auffassung über die Kampfprinzipien erfolgt dann meine persönliche Kritik an den Kategorien „Ritualkampf“ und „Überfall“ und den – nach Auffassung Herrn Kernspechts – daraus resultierenden Handlungsstrategien im „BlitzDefence“ und dem „ReakTsun“-Programm. Einher damit geht ein unterschiedliches Verständnis der Distanzen im WingTsun und dem Wing Chun, die hier nicht unerwähnt bleiben dürfen.

Als letztes wird das 3. WingTsun-Kampfprinzip erläutert, welches das Verständnis des WingTsun nicht unerheblich beeinflusst hat, seit das WingTsun in Europa verbreitet wurde. Es soll deutlich gemacht werden, dass das WingTsun durch dieses „dazwischen geschobene“ Kampfprinzip nicht mehr dem entspricht, was Ip Man selbst unterrichtete.

Die Unterscheidung zwischen dem 1. und dem 2. Kampfprinzip im WingTsun

Innerhalb der WT-Logik nimmt Herr Kernsprecht eine kleine, geistige Trennung zwischen dem ersten und dem zweiten Kampfprinzip vor, in welcher deutlich wird, warum „man wirklich zehn Jahre oder mehr üben muss, um mit dieser zweiten Seite Erfolg zu haben.“ [1]

Diese Trennung findet man bei den Kampfprinzipien eine kleine, aber nicht weniger unbedeutende Trennung zwischen dem 1. Kampfprinzip „Ist der Weg frei, stoße vor!“ und dem 2. Kampfprinzip „ vor.

Das 1. WingTsun - Kampfprinzip

Dazu Herr Kernspecht in seinem Interview:

„BlitzDefence ist die eine Seite der WingTsun-Medaille, die eine Hälfte der WingTsun-Formel. Diese Seite besagt: angreifen, bevor der andere angreifen kann oder in seinen Angriff hinein starten. Das ist eigentlich das, was man weltweit im WingTsun, egal in welcher Schreibweise, immer sieht und für WingTsun hält.[2] Die ganze Formel heißt aber: „Nimm auf, was kommt, begleite nach Hause, was geht und ist der Weg frei, stoße vor!“[3] Dabei steht BlitzDefence für: „Ist der Weg frei, stoße vor.“ Es ist eine völlig einseitige Angelegenheit, bei der ich allein tätig werde, ein Monolog. Der andere macht noch nichts. Er will vielleicht etwas machen. Und ich richte mich überhaupt nicht nach dem, was er tut oder besser noch nicht tut. Der Weg ist (noch) frei, weil er nichts macht. Ich bringe das Ganze schnell zu Ende. Aus mir, dem auserkorenen Opfer, wir der Täter, aus dem Wild der Jäger. Das ist die eine Seite des WingTsun. Die gab es vor der Erfindung des BlitzDefence ja auch: in Form von Kettenfauststößen. Eigentlich hat BlitzDefence die gleiche Idee wie die Kettenfauststöße – nur dass ich beim BlitzDefence die Kettenfauststöße als allerletztes Mittel, als ultima ratio einsetze, weil ich vor Gericht damit große Schwierigkeiten bekommen würde. (…)“[4]

Hier wird also das erste Kampfprinzip als eine der beiden möglichen Strategien in einem Kampf dargestellt. Das „Ist der Weg frei, stoße vor“ wird demnach zu einer möglichen Handlungsalternative, in der man versucht, einen Kampf möglichst schnell zu beenden und dem Gegner zuvor zu kommen, am besten noch, bevor er etwas unternimmt. Im Hinblick auf die juristischen Rahmenbedingungen wurde das BlitzDefence-Programm entwickelt, um die Folgen dieser „proaktiven Handlungsweise“ abzumildern. Im Sinne der vom Gesetzgeber geforderten „Verhältnismäßigkeit der Mittel“ auch eine sinnvolle Strategie.

Soviel zunächst zu dem 1. Kampfprinzip des WingTsun, die nach Aussage Herrn Kernspechts der Strategie des Blitzdefence zugeordnet wird und dementsprechend in einem Ritualkampf dazu führt, dass der Anwender „proaktiv“ dem Gegner zuvorkommt, da der Anfänger noch keine ausreichenden Fähigkeiten wie Timing, Tastsinn etc. ausgebildet hat.

Das 2. WingTsun - Kampfprinzip

Das 2. Kampfprinzip ist demnach die zweite Seite der Medaille. Dazu wieder Herr Kernspecht:

„Und die andere Seite der Medaille ist: „Nimm auf, was kommt…“ Das ist die Seite, für die man dann das ReakTsun braucht, wo man reagieren, Tastsinn haben, auch Intuition haben muss. Ein Programm, für das man bestimmt 5 bis 10 Jahre braucht, bis die Fähigkeiten da sind. Oder länger. Aber das Programm muss ich können gegen einen Überfall, auf den man nicht vorbereitet ist. Als sehr Fortgeschrittene können wir das mittlerweile lösen.“[5]

Also, nun ist die Katze aus dem Sack! Früher konnte man WingTsun in aller größter Einfachheit lernen und man sollte alle Methoden vergessen, die mehr als 12 Bewegungen nötig haben. Aber nun braucht es etwa 5 bis 10 oder noch mehr Jahre, bis man das zweite Kampfprinzip nach Herrn Kernspecht in einer Überfallsituation benutzen kann. Quo Vadis, WingTsun?[6]

Auf die nächste Frage der WT-Welt in diesem Interview: „Dann ist es also eine Frage des Niveaus?“ lautet die Antwort:

„Ja. Ich glaube, dass man wirklich zehn Jahre oder mehr üben muss, um mit dieser zweiten Seite Erfolg zu haben. Allerdings glaube ich auch, dass es bei jemandem, der nur der Seite „Ist der Weg frei, stoße vor“ folgt, nach einiger Zeit stagniert: weil man nur bis zu einem gewissen Grad seine Geschwindigkeit, seine Kampfkraft, Schlagkraft, Aggression steigern kann. Irgendwann ist damit Schluss. Es geht nicht mehr weiter. Im Gegenteil, mit dem Älterwerden kommt dann eher ein Rückschritt. Die Kraft, auch die Hormone lassen nach. Wenn man also ausschließlich diese proaktive WingTsun-Seite übt, glaube ich nicht, dass es langfristig weitergeht. Wenn man aber die zweite Seite übt, wird es sehr viel länger dauern, bis das Üben Wirkung zeigt, aber damit wird der Fortschritt auch bis ins hohe Alter andauern.“

In dieser Aussage kommt die Trennung von erstem und zweitem Kampfprinzip deutlich zum Vorschein. Nach diesem Konzept beinhaltet WingTsun entweder die proaktive Herangehensweise (1. Prinzip) , die auf Geschwindigkeit, Kampfkraft, Aggression, Schlagkraft und Hormone basiert oder die intuitive Seite mit Tastsinn (2. Prinzip), die langfristig gesehen einen nachhaltigeren Fortschritt verspricht, aber eben auch länger braucht, bis man sie beherrscht. Dies ist eine Aussage über die Art und Weise, wie man sein eigenes WingTsun praktiziert und weiterentwickelt. Auf der einen Seite werden Faktoren in den Vordergrund gerückt, wie Kraft, Schnelligkeit usw.., die nur begrenzt trainierbar sind und sich irgendwann nicht weiter entwickeln lassen. Die Vorgehensweise nach dem 2. Prinzip soll dagegen diejenige sein, welche länger bis zur Anwendungsreife braucht, aber auch bis ins hohe Alter hinein weitere Fortschritte ermöglicht.

Aber neben den unterschiedlichen WingTsun-Wegen unterscheidet Herr Kernspecht das 1. und 2. Kampfprinzip im Hinblick auf unterschiedliche Selbstverteidigungssituationen, welche auch unterschiedliche Strategien benötigen. Diese Unterscheidung hatte Herr Kernspecht in seinen Publikationen mit der neuen Kategorie des Ritualkampfes in die Selbstverteidigung eingeführt und entwickelt daraufhin ein anderes Verständnis der Kampfprinzipien.

Die Unterscheidung „Ritualkampf“ und „Überfall“

Der Ritualkampf

Diese Handlungsweise nach dem ersten Kampfprinzip setzt voraus, dass man nun erkannt hat, dass man sich nicht in einer Überfallsituation befindet. Sondern in einer Situation, die Herr Kernspecht in seinen Schriften mit „Ritualkampf“ betitelt hat, in dem eine Kampfhandlung nach einem bestimmten Muster in verschiedenen Phasen abläuft. Laut WingTsunWelt

„lassen sich heutzutage fünf Phasen des Ritualkampfes der 70 – 85% aller Selbstverteidigungssituationen ausmacht, unterscheiden:

  1. 1.       Blickkontakt;
  2. 2.       Verbale Phase (Stimme);
  3. 3.       Schubsen und Zeigen;
  4. 4.       Wilde, unkontrollierte, meist runde Angriffe;
  5. 5.       Nachtreten am Boden (meist zum Kopf; entartete Phase)

Beim Rest handelt es sich quasi um Überfälle, die sehr schwierig zu trainieren sind.“ [7]

Die Entwicklung dieser Unterscheidung zwischen „Ritualkampf“ und „Überfall“ hatte nach Aussage Herrn Kernspechts bereits seit Mitte der 90er Jahre begonnen. Mit seiner Tätigkeit an der Universität in Bulgarien musste er

„dort erklären, was ich hier überhaupt mache. Ich konnte Ihnen nicht nur einfach Techniken zeigen und behaupten: „Die sind super. Glaubt mir das mal.“ Das musste logisch aufgebaut werden. Ich brauchte ein „Problem“, dass ich wissenschaftlich untersuchen konnte. Die gesamte Situation Kampf war dazu viel zu komplex. Ich brauchte eine klare Situation. (…) So konnte ich den Kampf auch nicht in seiner ganzen Komplexität betrachten, sondern habe mir einen Teil herausgesucht – den statistisch am häufigsten vorkommenden. Ihn habe ich unter die Lupe genommen: Ein Typ kommt gerade auf mich zu, er muss eine bestimmte Entfernung von mir haben, sonst könnte er ja nicht zuschlagen, redet erst mit mir, dann in der Abfolge Zeigen, Schubsen, Schlagen. Halt die Art von Kampf, für den ich dann den Begriff „Ritualkampf“ prägte. Der lässt sich prächtig analysieren. Und es lässt sich eine wunderbare Lösung dafür finden: die präventive, proaktive Verteidigung, die ich BlitzDefence nannte. (…) Das war der Ritualkampf. Und dagegen erschuf ich das BlitzDefence. Das war einfach darzustellen.“[8]

Seiner Meinung nach wurde das BlitzDefence-Programm in seinem Buch „Vom Zweikampf“ bereits vorweggenommen, allerdings hatte er dort die „traditionelle chinesische Methode“ vorgestellt.

„Wenn der andere in meinen imaginären Kreis eintritt, den ich für meine Sicherheit brauche, dann steuere ich angezogen wie ein Magnet auf ihn zu und bringe ihn mit Kettenfauststößen zu Strecke. Also bestrafe ich ihn quasi dafür, dass er einen imaginären Kreis überschreitet, von dem er nicht weiß, dass er existiert. Und hoffe dann auf Absolution vor Gericht. Das war technisch gesehen eine funktionierende Lösung und hat auch immer geklappt. Aber das Problem ist bei uns die höhere Instanz vor Gericht. (…) Deshalb fand ich dann die Lösung, dass ich den Gegner mehr als – sagen wir – zweimal gegen meine vordere Hand, die ich aufstelle, tippen lasse, bevor ich zuschlage. (…) Dann ist es sanktioniert, selbst wenn der andere dabei zu Schaden kommt. Das habe ich mir zu Herzen genommen und gesagt, der muss mehrmals gegen meine Hand tippen und cih weiche jedes Mal zurück. Doch dann lege ich los. Aus diesen Gedanken heraus entstand dann das BlitzDefence zusammen mit der Spezialisierung.“[9]

Mit Spezialisierung ist nach Herrn Kernspecht die Festlegung auf eine Seite gemeint, d.h. es gibt eine Hand, die dem Angreifer angeboten wird und es gibt die andere Hand, die zuschlagen soll, obwohl WingTsun normalerweise immer beide Seiten trainiert. Den Grund für die einseitige Vorgehensweise sieht Herr Kernspecht durch die Zeitersparnis, die dadurch erreicht wird:

„Hier habe ich extra dem Hick´schen Gesetz[10] folgend für dieses Programm die Einseitigkeit gewählt; Denn durch die Auswahl zwischen zwei Möglichkeiten und das Nachdenken über eine Entscheidung verliert man viel Zeit. Dadurch ist dann so viel Zeit vergeudet worden, dass der andere mich wahrscheinlich schon k.o. geschlagen hat. Wenn ich eine Technik auf zwei Seiten kann, muss ich darüber nachdenken, mit welcher Seite ich sie mache.“[11]

Dies führte im WingTsun-Unterricht dazu, dass

„ als Verbesserung zum traditionellen WingTsun-Programm das EWTO-Reaktionsprogramm von Großmeister Kernspecht entwickelt“ wurde, „ wobei ihm sein Team, seine Studenten, seine Privatschüler und Schüler und sein eigenes wissenschaftliches Universitätsstudium die notwendigen Grundlagen lieferten.“[12]

Der stufenweise Unterrichtsaufbau sieht vor, das

„der Schüler in kleinen Portionen die verschiedenen Reaktionen eingepflanzt bekommt:

  1. 1.       Stufe: Der Anfänger verteidigt sich durch Angriff. (Unterstufe = 1. – 3. SG)
  2. 2.       Stufe: Koopetives Programm (Mittelstufe = 4. – 6. SG)
  3. 3.       Stufe: Kooperatives Programm (Oberstufe = 7. – 12 SG).

Dabei soll der Lehrer den Schüler nicht überfordern und ihm Zeit zum lernen geben; denn es braucht Zeit, bis das Programm greift. Im Schülergradbereich werden die Übungen jeweils nur auf einer Seite ausgeführt, d.h. beim Rechtshänder ist der linke Arm der fühlende und rechts der schlagende. Erst im Lehrerprogramm wird auch die andere Seite trainiert. Das Gehirn hat aber bereits „intern“ vorgearbeitet und so werden die Reaktionen auf der zweiten Seite mit einem geringeren Zeitaufwand konditioniert.“[13]

BlitzDefence ist also das Ergebnis neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse auf den statistisch am häufigsten vorkommenden Fall der Selbstverteidigung. Und innerhalb dieses Musters soll durch die proaktive Strategie „Verteidigens durch Angriff“ zusammen mit der Spezialisierung auf eine Hand die Chancen erhöhen, den Kampf zu gewinnen. Um dies aber zu erreichen, wird der Schüler bis zum Lehrerprogramm dazu gebracht, seine Fähigkeiten nur einseitig auszubilden. Bis zum Erreichen des Lehrergrades innerhalb der EWTO braucht ein durchschnittlicher Gruppenschüler einige Jahre Training, bevor er dann also auch das Programm mit der anderen Hand lernen kann.

Der Verweis auf das Hick´sche Gesetz ist zunächst einmal sinnvoll, aber es wird in der Praxis nicht richtig umgesetzt. Die Schlussfolgerung Herr Kernspechts, dass man Zeit verliert, wenn man über die eine oder andere Hand nachdenkt und man deshalb besser sich auf eine festlegt, ist irreführend. Denn wenn man das „Prinzip der Zentrallinie voraussetzt, was in der Logik Herrn Kernspechts hier nicht vorkommt, dann spielt es keine Rolle, welche Hand den ersten Kontakt herstellt. Dadurch, dass man vor einer Kampfhandlung beide Hände beschwichtigend vor den Körper nimmt, macht ich es in der Tat noch leichter, den Kontakt zum Gegner herzustellen, da es keine Rolle spielt, ob bei einem bestimmten Angriff die rechte Hand evtl. Pak Sao ausführt oder die linke Hand Tan Sao. In derselben Situation kann auch die rechte Hand Tan Sao oder die linke Pak Sao ausführen. Die Bewegungen können gespiegelt werden. Und genau dies ist die Voraussetzung dafür, dass man im Voraus nicht über eine Technik nachdenken muss.

Dem Schüler durch ein vorgegebenes Programm einige Jahre auf eine Seite festzulegen, mit dem Argument, das das Gehirn bereits „intern“ vorgearbeitet hat, ist nur halb richtig. Denn diese interne Vorarbeit des Gehirns findet sofort statt und nicht mit einigen Jahren Unterschied. Es gibt überhaupt keinen Grund für eine einseitige Trainingsmethodik. Dies führt nur zu einem viel langsameren Lernfortschritt.

Moshe Feldenkrais[14] hat in seinen Büchern die Mechanismen des Lernens neuer Bewegungsmuster detailliert dargestellt. Sobald ein Muster im Gehirn neu etabliert worden ist, kann es auch eingesetzt werden. D.h. es gibt keinen methodischen und lerntheoretischen Grund, eine Methode nur einseitig zu trainieren und dass evtl. einige Jahre lang.

Die Unterscheidung verschiedener Kategorien einer Kampfhandlung bedeutet für einen Wing Chun-Anwender, dass er – vor allem unter Stress – im Voraus weiß, ob er nach Plan „Blitzdefence“ anwenden kann oder er sich doch in einer Überfallsituation befindet.

Die eigene Handlungsweise bedingt, dass man die Aktion des Gegners im Voraus kennt und sich darauf einstellen kann. Innerhalb der WT-Logik geht man tatsächlich davon aus, dass es möglich ist, Verhalten eines Gegners im Ritualkampf vorzuplanen. Dazu nochmal Herr Kernspecht:

„Da kann man nicht von Sicherheit reden und dass man vorher weiß, wie es abläuft. Beim Ritualkampf denke ich schon, dass er planbar ist, solange er nicht außer Kontrolle gerät: Wenn der andere zum Beispiel zurückspringt und ein Messer zieht oder so, entwickelt sich was ganz anderes. Aber grundsätzlich ist ein Ritualkampf planbar und deshalb kann ich auch mit Techniken herangehen.“[15]

Blitzdefence ist also die Methode, die man - spezialisiert auf die eine fühlende und eine schlagende Hand – im Unterricht lernt, um in einer der am häufigsten auftretenden Situationen der Selbstverteidigung die Initiative zu ergreifen. Auf die Frage, ob BlitzDefence Selbstverteidigung ist, sagt Herr Kernspecht:

„BlitzDefence ist ganz sicherlich Selbstverteidigung. Eigentlich sogar noch mehr: Angreifen, um sich zu verteidigen. Es ist ja ein Ergreifen der Initiative. Wir haben realisiert, dass der Anfänger nicht wirklich eine Chance hat, wenn er sich verteidigt. Der Anfänger hat nur eine Chance, wenn er die Initiative ergreift. Als Verteidiger muss er sich irgendwie dem Angriff anpassen. Er muss, reagieren, sich anpassen, den Schlag weich abfangen, muss zurückschlagen. Das kann er ja alles noch nicht. Er hat noch nicht gelernt, die Entfernung richtig einzuschätzen. Er hat keinen Tastsinn, kein Timing. Ihm fehlt all das, um zu bestehen. Wir sehen das bei jeder Prügelei oder Schlägerei auf der Straße: Es gewinnt der, der zuerst zuschlägt. (…)“[16]

Der „Überfall“

Im Gegensatz zu der Kategorie des „Ritualkampfes“ wird die Situation des „Überfalls“ behandelt, der ganz anders abläuft als das, was in den meisten Fällen stattfindet.

„Da müssen wir wirklich unterscheiden. Zwischen einem Ritualkampf, der einer gewissen Ordnung folgt, und einem Überfall. (…) Beim Überfall ist es völlig anders. Ich kann mir vorher keinen Plan machen: Da kommt der andere nicht von vorn. Er kommt von der Seite oder von hinten. Es ist Ablenkung im Spiel. Er hat Waffen dabei. Alles kommt unvorbereitet. In diesem anderen Spiel brauche ich Reaktionen, brauche ich Tastsinn und Intuition. Da brauche ich einen 6. Sinn.“[17]

 Die Kampfprinzipien nach Ip Man Wing Chun

Die von Herrn Kernspecht existierte Trennung der Kampfprinzipien existiert nicht, da sie nicht auf unterschiedliche Wing Chun-Wege bezogen werden oder auf unterschiedliche Kategorien von „Ritualkampf“ und „Überfall“, sondern auf die zeitliche Abfolge einer einzigen Kampfhandlung durch die 3 unterschiedlichen Distanzen im Wing Chun.

Die Kampfprinzipien und andere Konzepte sind in den Bewegungsabläufen des Wing Chun-Systems zu finden. Es darf also nicht – wie so oft der Fall – davon ausgegangen werden, dass eine einzelne Bewegung einer Form jeweils eine spezifische Anwendung wiedergibt.

Sondern eine Bewegung spiegelt ein Konzept wider. Diese Konzepte werden in derselben Reihenfolge, wie die Formen unterrichtet werden, nach und nach in das System integriert, bis das Wing Chun tatsächlich ein „komplettes Kampfsystem“ ist.

In der weiteren Analyse wird sich zeigen, dass dieser Ansatz zu völlig anderen Ergebnissen führt, als das was über das WingTsun bisher gesagt wurde.

Die Formel der 3 Kampfprinzipien – nach Ip Man lautet:

„Ist der Weg frei, gehe ich vor.“ – (Um Kontakt aufzunehmen…)

„Wenn der Gegner kommt, erwarte ich ihn.“ (Um die Kontrolle über beide Arme des Gegners bekommen.)

Wenn der Gegner sich löst, dann folge ich ihm.“  (Um die Lücke zu finden, den Gegner zu schlagen.)

Die zweite Form , „Chum Kiu“ heißt bestimmt nicht zufällig „Suchende Arme“ oder „Suchende Brücke“[18]. In der zweiten Form finden wir das Konzept der 3 Kampfprinzipien und der 3 Kampfdistanzen im Wing Chun-Systen. Diese sind im 1. Drittel der Form enthalten. Nach der dreimaligen Wendung und Doppel – Lan Sao – folgt in der Form die Sequenz: Doppel Biu Sao[19] - Doppel Tan Sao, 3 x Pak Sao, 3 x Jeung Sao (Handflächenstoß).

Wenn man diese 3 Bewegungen analysiert, stellt man fest, dass die Reichweite der Biu Sao am Anfang dieser Sequenz der Fauststoß-Distanz entspricht. Danach folgt die Tan Sao, die exakt eine Handlänge kürzer ist. Die 3 folgenden Pak Sao auf den Unterarm sind ebenfalls eine Handlänge kürzer als die Tan Sao und entsprechen der kürzeren Ellbogen-Distanz.

Die 3 Distanzen im Ip Man Wing Chun sind also in der Form exakt durch die Reichweite der eigenen Hände definiert in Fauststoßdistanz, Kontrolldistanz, Ellbogendistanz. Diese Distanzen liegen exakt eine Handlänge auseinander und innerhalb dieser 3 Distanzen werden die Kampfprinzipien als zeitliche Abfolge in einer einzigen Kampfhandlung angewendet.

Diese Vorgehensweise erklärt den Weg von der ersten Kontaktaufnahme über den Zwischenschritt der Kontrolle des zweiten Armes in der mittleren Distanz, um dann fähig zu sein, einen Kampf in der kürzesten Distanz zu beenden.

Wir haben also in der Chum Kiu eine Sequenz, in der die 3 Kampfdistanzen und die 3 Kampfprinzipien miteinander in Beziehung gesetzt werden und sich daraus das Verhalten in einem Nahkampf entwickeln lässt.

Dies ist ein Konzept, welches viele der diskutierten WingTsun-Probleme löst, ohne dass man ein Psychologie-Studium über Verhaltensweisen im „Ritualkampf“ oder über die „juristischen Begleiterscheinungen“ von Kettenfauststößen machen muss und ohne 10 Jahre investieren zu müssen, bis der Tastsinn in der Lage ist, die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Wenn, wie zuvor Herrn Kernspecht behauptet, viele der WingTsun-Prinzipien auf den Nahkampf nicht anwendbar sind“, dann muss hier die Vorgehensweise im Nahkampf nach dem Ip Man Wing Chun dargestellt werden, um den Unterschied deutlich werden zu lassen.

Das 1. Kampfprinzip „Ist der Weg frei, gehe ich vor!“ ist der dieser ersten Distanz (Fauststoßdistanz) zugeordnet, die der 2. Distanz im WingTsun entspricht. Die Kontaktaufnahme, die die Funktion erfüllt, zuallererst die eigene Zentrallinie gegen Treffer zu schützen, findet mit der ersten Biu Sao-Bewegung statt, egal ob rechts oder links. Und es ist dabei völlig gleichgültig, wie ein Gegner angreift, ob er schubst oder zuerst zuschlägt.

Das 2. Kampfprinzip „Wenn der Gegner kommt, erwarte ich ihn,“ ist der mittleren Distanz zugeordnet, innerhalb derer die gesamten Abwehrpositionen der ersten Form ( Tan Sao, Bong Sao, Jut Sao, Jum Sao etc…) eine gewichtige Rolle spielen und in der die Chi Sao – Fähigkeiten zum Tragen kommen und in der die Fähigkeit, die kinetische Energie des Angreifers zu seinem Vorteil zu benutzen. Hier geht es vor allem darum, den Kontakt zum zweiten Arm des Gegners herzustellen um die Kontrolle zu erlangen, die dem Verteidiger eine bessere Position verschafft als dem Angreifer. In dieser 2. Phase kommen all die Reflexe (der Tastsinn, der sich nach Meinung Herrn Kernspechts in den Partnerformen nicht entwickeln lässt. Wir haben weiter oben bereits darüber gesprochen.)zur Anwendung, die man sich im Chi Sao-Training angeeignet hat.

Diese Phase ist für den Wing Chun-Anwender die schwierigste ist und die Fähigkeit der Kontrolle eines Gegners in dieser kurzen Distanz ist das, was das Wing Chun eigentlich ausmacht. Grandmaster Ip Ching sagt dazu:

„Control ist the skill of Wing Chun. Hitting the opponent is the goal, but it is the control of the opponents bridge (arms) which makes hitting possible.“[20]

“Kontrolle ist die Fähigkeit des Wing Chun. Den Gegner zu schlagen ist das Ziel, aber es ist die Kontrolle über der Brücke (Arme) des Gegners, die das Zuschlagen erst ermöglicht.“ (Übersetzung vom Autor).

Genau diese Fähigkeit in dieser Phase ist das Besondere am Chi Sao-Training und am Wing Chun. Diese Komponente ist aber auch jene, die es ermöglicht, trotz der juristischen Rahmenbedingungen in der westlichen Welt Wing Chun anzuwenden, ohne Probleme mit dem Richter zu bekommen. Und es ist ebenfalls das Argument gegen die Behauptung, dass „einige der alten Lösungen bei uns im Westen heute nicht mehr“ greifen.“[21]

Das 3. Kampfprinzip „Wenn der Gegner sich löst, dann folge ich ihm,“ setzt die Fähigkeit voraus, den Moment des Lösens des Kontaktes zu erkennen und die Chance zu nutzen, einen wirkungsvollen Schlag auszuführen, der den Kampf möglicherweise beendet.

Die 3 Kampfprinzipien werden von Trevor Jefferson immer wieder in einer Aussage zusammengefasst: „Find, Control, Hit!“ Wenn ich das präziser Ausdrücken sollte:

„Finden in der ersten Distanz, Kontrollieren in der zweiten Distanz, Schlagen in der dritten Distanz!“

Einfacher kann man die Kampfprinzipien nicht zusammenfassen. Herr Kernspecht kommt in seinem Interview auf ein ähnliches Ergebnis, wenn er die Reihenfolge der WingTsun-Kampfprinzipien plötzlich umdreht:

„Die ganze Formel heißt aber: „Nimm auf, was kommt, begleite nach Hause, was geht und ist der Weg frei, stoße vor!“[22]

Hier kann man vermuten, dass Herr Kernspecht durch die gesamte Überarbeitung der „traditionellen“ Wing Tsun-Programme der Anwendung der Kampfprinzipien wie sie im Ip Man-System vorhanden sind, sich langsam, aber sicher, annähert.

 Zur Kritik an der Unterscheidung zwischen „Ritualkampf“ und „Überfall“

Herr Kernspecht behauptet[23], dass die asiatischen Lehrer nicht bedacht haben, dass Adrenalin in einer Kampfsituation eine entscheidende Rolle spielt und dass es hierzulande erhebliche „juristische Begleiterscheinungen“ gibt, über die sie „nicht ein einziges Mal nachgedacht“ haben.

Da hat Herr Kernspecht Recht und der Umgang der Chinesen mit Konkurrenten ist bestimmt nicht zimperlich. Hinsichtlich des chinesischen Umgangs mit Menschenrechten glaube ich, dass ein Menschenleben dort nicht viel zählt. Deswegen werden die Asiaten bestimmt wenig darüber nachdenken, dass „es da mit den Kettenfauststößen eventuell Probleme geben könnte.“[24]

Doch diese Feststellung führt für Herrn Kernspecht zu folgender Schlussfolgerung über asiatische Lehrer, die hinsichtlich der Prinzipien nicht ganz zutreffend ist:

„Und sie haben nicht darüber nachgedacht, dass der Kampf in der Nahdistanz beginnt. Viele der WingTsun-Prinzipien lassen sich in Wirklichkeit in der Nahdistanz so nicht durchführen. Zum Beispiel, wenn ich an den WingTsun-Spruch denke: „Verfolge nicht die Arme, sondern die Umrisse des Gegners.“[25]

Der Spruch: „Verfolge nicht die Arme, sondern die Umrisse des Gegners!“ haben im Ip Man Wing Chun keine Entsprechung. Man darf Herrn Kernspecht also glauben, dass er sich mit seiner Aussage auf sein eigenes WingTsun beruft.

Die Kritik darf also nicht verallgemeinert werden auf das Wing Chun seit Ip Man und früher. Warum dies so ist, wird weiter unten begründet, wenn die Kampfprinzipien miteinander verglichen werden. Innerhalb der WT-Logik ist es dann auch einfach zu behaupten, dass die bewährten Methoden im Wing Chun heutzutage nicht mehr anwendbar sind:

„Deshalb greifen einige der alten Lösungen bei uns im Westen heute nicht mehr! Was früher half, kann heute der Nagel in unserem Sarg sein. Technisch mag das meiste, das wir gelernt haben, noch richtig sein – nur juristisch ist es nicht mehr haltbar. Weiterhin müssen wir berücksichtigen, dass uns in solcher Situation aufgrund des Hormoncocktails die Knie zittern und die Arme steif sind. Davon sprechen die Chinesen nie. Angst ist das Tabuwort. Dabei ist das psychologische Problem bedeutender als das rein kampftechnische!“

Herr Kernspecht geht offensichtlich davon aus, dass die Schwierigkeiten des WingTsun-Systems auch in früheren Zeiten gegolten haben.

Die Kampfprinzipien innerhalb des Wing Chun-Systems müssen aber schon länger bekannt gewesen sein. Sonst hätte sich ein Kampfstil wie Wing Chun sich gegenüber anderen Stilen in China nicht behaupten können, schon gar nicht über 200 Jahre hinweg, wenn man der Entstehungsgeschichte des Wing Chun glauben kann. Wir dürfen also annehmen, dass die „Logik der Kampfprinzipien“ im Ip Man Wing Chun andere sind, als das, was Herr Kernspecht voraussetzt.

Denn in dieser Aussage wird Wing Chun und das reformierte WingTsun gleichgesetzt. Wie wir bereits früher festgestellt haben, ist das WingTsun nicht mehr identisch mit dem Wing Chun Ip Man´s und der Zeit davor. Man kann nicht behaupten, dass die „alten Lösungen“ bei uns im Westen heute nicht mehr funktionieren, weil die asiatischen Lehrer „nicht darüber nachgedacht“ haben, „dass der Kampf in der Nahdistanz beginnt.“ Was für eine Ignoranz bezüglich des Wing Chun. Die Aussage, „viele der WingTsun-Prinzipien lassen sich in Wirklichkeit in der Nahdistanz so nicht durchführen“, ist nicht korrekt, wenn man sie auf das Wing Chun überhaupt bezieht. Wing Chun ist ein Nahkampfsystem und die Kampfprinzipien sind genau die Lösung für den Kampf in der Nahdistanz. Dafür war Wing Chun entwickelt worden. Und wir können erklären, warum das so ist.

Was nicht funktioniert ist die Anwendung der „WingTsun-Prinzipien“ und diese sind nicht dieselben wie die Wing Chun-Prinzipien.

Die Aussage Herrn Kernspechts ist genau genommen richtig, er macht nur den Fehler, die Problematik den Asiaten in der Vergangenheit zuzuschreiben und nicht der fehlerhaften Interpretation der Kampfprinzipien im eigenen WT-System. Wollte man die Aussage Herr Kernspechts präziser formulieren, müsste sie lauten:

Viele der WingTsun-Prinzipien, wie sie im „reformierten WingTsun“ verstanden werden, „lassen sich in Wirklichkeit in der Nahdistanz so nicht durchführen.“ Damit hat Herr Kernspecht Recht!

Die unterschiedlichen Distanzen im Wing Tsun und Ip Man Wing Chun

Herr Kernspecht stellt über den Beginn eines Kampfes fest, „dass der Kampf in der Nahdistanz beginnt.“[26]

Die Nahdistanz ist die Distanz, die nach dem WT-Verständnis die zweite Distanz darstellt. Im Verständnis des Ip Man Wing Chun ist dies die 1. Distanz, da man keine Unterscheidung macht zwischen einer vorgelagerten Trittdistanz, in der noch kein Kontakt zum Gegner hergestellt wird und die Reaktion lediglich auf der visuellen Ebene liegt. Dies ist die Distanz, in der der Gegner höchstens mit der Reichweite seiner Beine einen Treffer landen kann.[27] Um aus einer solchen Distanz tatsächlich einen Tritt ausführen zu können, muss der Angreifer mindestens einen Schritt machen. Dies ist der Übergang von der „Trittdistanz“ in die „Nahdistanz“. Folglich finden auch alle Kampfhandlungen erst in dieser Distanz statt. Die Theorie einer „Trittdistanz“ ist daher zur Beschreibung einer Kampfhandlung nicht nötig. Ebenfalls wird im Ip Man Wing Chun auf die „Bodenkampfdistanz“ verzichtet. In der von Herrn Kernspecht beschriebenen Phase eines entarteten Ritualkampfes der damit endet, dass das Opfer mit Tritten zum Kopf verletzt wird, dann sollte vorausgesetzt werden, dass das Konzept genau diese Situation verhindert. Insofern ist das Wing Chun-System so aufgebaut, dass man eine Auseinandersetzung beendet, bevor der Kampf am Boden weiter geht. Der Unterschied zu den Distanzen in den beiden Systemen ist also der, das es im Wing Tsun-System 5 Distanzen gibt, und im Ip Man Wing Chun nur 3 Distanzen. Es fehlen die erste und die letzte WingTsun-Distanz.

In der praktischen Anwendung bedeutet dies auch, dass in der ersten Distanz die Kontaktaufnahme mit der Hand erfolgt, die dem Gegner näher ist. Im Wing Chun ist dies das Prinzip von Man Sao, der fragenden Hand“. Dabei ist es völlig unerheblich, mit welcher Hand und aus welcher Richtung ein Angriff ausgeführt wird. Die Prinzipien in der Chum Kiu beinhalten auch die Konzepte für die Kontaktaufnahme für seitliche Angriffe, unabhängig davon, von welcher Seite ein seitlicher Angriff erfolgt. Auch in diesem Falle reduzieren sich die Möglichkeiten der Kontaktaufnahme auf genau 4 Konstellationen:

Kontakt von außen oder von innen, und dasselbe mit der anderen Hand. Die Kontrolle findet in dem nächsten Schritt statt, wenn der Angreifer evtl. mit seiner anderen Hand einen weiteren Schlag ausführt. Somit kann dieses Konzept ein Weg sein zu der von Herrn Kernspecht angestrebten „Formlosigkeit“.

Die Reaktion auf einen Angriff fällt nicht geplant aus im Sinne einer „Antizipation“, sondern in Form von einfacher Geometrie. Die Hand, die den kürzesten Weg zum Gegner hat, ist die schnellere. Und in dieser Situation gibt es kein „richtig“ und „falsch“.

Es ist nach dem Konzept des Ip Man Wing Chun auch nicht nötig, zwischen einem „Ritualkampf“ und der Strategie des „BlitzDefence“ auf der einen Seite und einem „Überfall“ und den Fähigkeiten des „ReakTsun“ auf der anderen Seite zu unterscheiden, da eine Kampfhandlung immer eine Kampfhandlung darstellt und es überhaupt keine Rolle spielt, ob ich zuvor in einen „Ritualkampf“ oder in einen „Überfall“ hineingezogen wurde.

Findet die Kontaktaufnahme in der mittleren Distanz zu dem zweiten Arm des Gegners statt, ergeben sich vier möglich Handpositionen, aus der heraus eine Entscheidung für eine bestimmte Reaktion getroffen wird. In dieser Phase entsteht immer eine „Entweder-Oder“-Situation, in der es verschiedene Möglichkeiten gibt, die Situation erfolgreich zu lösen und den Kampf zu beenden. Je weiter die Fähigkeiten eines Wing Chun – Anwenders entwickelt sind, desto einfacher wird er in der Lage sein, auf harte Schläge mit bleibenden Folgeschäden für den Angreifer zu verzichten.

Dieses Konzept der 3 Kampfprinzipien als zeitliche Abfolge in einer Kampfhandlung bietet sowohl die Möglichkeit, den Gegner sofort auszuschalten, wenn es in einer Überfallsituation gar nicht anders geht, man kann aber auch einen „Ritualkampf“ unter Berücksichtigung der „Verhältnismäßigkeit der Mittel“, wie es das Notwehrgesetz fordert, erfolgreich bewältigen. Sofern man in der Lage ist, den Gegner zu kontrollieren. Aber genau dies ist das Ziel dieses Konzeptes und wir glauben, dass die Fähigkeit der Kontrolle beider Arme in der mittleren Distanz der entscheidende Aspekt ist, der in einer Kampfsituation den Vorteil verschafft. Und genau in diesem Punkt setzt die Kritik an dem „ReakTsun“-Konzept an, in dem die Reaktionen auf immer den ersten Angriff zugeschnitten sind. Im „ReakTsun“ befindet sich, gemessen an den Prinzipien nach Ip Man Wing Chun, eine erhebliche Sicherheitslücke.

Die ersten beiden Sätze der Siu Lim Tao, der ersten Form setzen die Reihenfolge der Aktionen in der Selbstverteidigung fest:

Die eigene – vertikale – Zentrallinie – in der Form (symbolisiert durch die Bewegung des ersten Satzes:  Doppel Gan Sao abwärts, Doppel Tan Sao aufwärts) soll geschützt bleiben, und erst in der zweiten Aktion – horizontale - Zentrallinie (symbolisiert durch den einfachen Fauststoß), wird die Zentrallinie des Gegners angegriffen. Also erst der Selbstschutz vor dem Angriff.

Dies ist die allererste Lektion, die ein Schüler nach Ip Man Wing Chun lernt und ist auch ein wichtiges Argument gegen „BlitzDefence“. Es gibt es gar keine Notwendigkeit, in einer größeren Distanz dem Gegner zuvor zu kommen und „proaktives BlitzDefence“ anzuwenden. Es widerspricht nämlich der Theorie der ersten Form, wo der Selbstschutz vor dem Gegenangriff geht.

Die Schwäche dieses „BlitzDefence“-Konzeptes ist die Tatsache, dass in der Phase des Angriffes der Verteidiger ebenfalls leicht getroffen werden kann. Aus der Sicht des Ip Man Wing Chun ist dies zu erklären durch die verkehrte Reihenfolge in der Anwendung der Kampfprinzipien.

Der Verteidiger, der zum Angreifer wird, wird leicht Opfer von Gegentreffern. Und vor allem kleinere Leute mit einer geringeren Reichweite stoßen bei dieser Vorgehensweise schnell an ihre Grenzen. Ebenfalls kenn ich diese Problematik selbst sehr gut aus meinen eigenen WT-Zeiten, in der die „Universallösung“ nur dann funktionierte, wenn man selbst schneller, aggressiver oder kräftiger war als sein Trainingspartner.

Als weitere limitierende Komponente erscheint die Spezialisierung, die Handlungsweise des Schülers auf eine Seite beschränkt und durch die methodische Vorgabe eines umfangreichen Schülerprogramms für einige Zeit festlegt, obwohl es keinen sinnvollen Grund dafür gibt.

Die Kontaktaufnahme zur zweiten Hand des Gegners ist das, was in der Interpretation der Kampfprinzipien von Herrn Kernspecht fehlt und überhaupt nicht erwähnt wird. Die Darstellungen der Kampfanwendungen für den 8. Schülergrad in der WingTsunWelt[28] zeigen die verschiedenen Phasen von 1. Antizipation, 2. Adaption, 3. Manipulation, 4. Kollision einer Aktion. In diesen Sequenzen – und in allen neueren Videos von Herrn Kernspecht auf Youtube – wird deutlich, dass alle Aktionen als Reaktion auf den ersten Angriff ausgeführt werden. Der Gegner nutzt also seine zweite Hand nicht oder wartet einfach darauf, getroffen zu werden. Die tägliche Trainingspraxis zeigt, dass dies nicht funktioniert, vor allem dann nicht, wenn der Angreifer tatsächlich Kampferfahrung hat, mit einer schnellen Schlagkombination angreift oder wenn der Verteidiger körperlich unterlegen ist.

Dann ist es auch logisch, wenn Herr Kernspecht analysiert:

„Technisch gesehen ist das BlitzDefence-Programm unglaublich einfach, aber von der psychologischen Seite her ist es sehr, sehr schwierig. Ja, in der Tat!

Ausgehend von diesem Konzept ist es also möglich, die Schwäche der „proaktiven“ Strategie des BlitzDefence aufzuzeigen: Diese Strategie baut auf den Erfolg durch die Überraschung und der Geschwindigkeit. Sollte diese Strategie nicht aufgehen, entstehen Probleme für den Verteidiger, die nicht sein müssen. Es gibt – bei der korrekten Anwendung der Kampfprinzipien in der richtigen zeitlichen Abfolge keinen Grund, etwas vorweg zu nehmen und das Verhalten eines Angreifers „vorauszuplanen“. Dies geht immer mit dem Risiko einher, sich zu täuschen oder sich plötzlich in einer eskalierten „Überfallsituation“ wieder zu finden.

Denn unter den Voraussetzungen einer künstlich geschaffenen Kategorie des „Ritualkampfes“ soll ein WingTsun-Schüler mit begrenzten Mitteln und ohne weitergehende taktile Fähigkeiten in einer Situation bestehen, die planbar sein kann, aber nicht notwendigerweise sein muss.

Und um diese mögliche Eskalation zu einem „Überfall“ erfolgreich meistern zu können, sollte man „ ein weit Fortgeschrittener“ sein.

Sich also darauf zu verlassen, „proaktiv“ tätig zu werden, sofern sich ein Ritualkampf kontrollieren lässt, kann also fatale Folgen haben, wenn man 5 oder 10, oder mehr Jahre braucht, die Situation zu lösen, die dann entsteht, wenn meine „Planung“ falsch war.

 Auf dem Hintergrund des Gesagten, plädiere ich dafür, die Wing Chun-Schüler anders auf eine solche Situation vorzubereiten, damit die psychologische Komponente einfacher wird.

Warum sollte man Schüler einer Situation aussetzen, wenn sie nicht verstehen, welche Komponente fehlt, damit die angestrebte Lösung auch mit einer höheren Wahrscheinlichkeit funktionieren kann?

Es ist mit dem Konzept der 3 Kampfprinzipien ebenfalls möglich, dem Wing Chun-Schüler zu zeigen, warum es nicht 5 oder 10 oder mehr Jahre braucht, Wing Chun auch in einer Überfallsituation richtig anwenden zu können.

Die Fähigkeit der Kontrolle eines Gegners wird im Chi Sao-Training erreicht, wenn man es nicht künstlich aufbläht, durch „Partnerformen“, die nicht den Tastsinn entwickeln, den man haben will. Und weiterhin wird ein Schüler nicht durch ein definiertes Programm einseitig auf eine Handlungsweise festgelegt, die er dann ab Lehrerstufe auch zweiseitig üben darf.

Das zusätzliche 3. Kampfprinzip im Wing Tsun

Es wird innerhalb der „WT-Logik“ nach wie vor an der Idee des „nachgiebigen“ oder „weichen“ WingTsun festgehalten.

Zu dem oben Gesagten kommt hier ein wesentlicher Unterschied zwischen den 3 Kampfprinzipien im Ip Man-System und den 4 Kampfprinzipien im WingTsun-System zum Vorschein. Zwischen dem 2. und dem 3. Kampfprinzip wurde nach „WT-Logik“ ein zusätzliches Prinzip eingeführt, welches in Bezug auf das gesamte Wing Chun-System eine gravierende Veränderung darstellte.

Zur kurzen Gegenüberstellung sollen die Kampfprinzipien hier noch einmal gegenübergestellt werden:

Die 4 Kampfprinzipien im WT                                                    Die 3 Kampfprinzipien im Ip Man Wing Chun

  1. Ist der Weg frei, stoße vorwärts                                     1. Ist der Weg frei, gehe vorwärts!
    1. Wenn der Weg nicht frei ist, bleib kleben!                         2. Wenn der Gegner kommt, erwarte ihn!
    2. Wenn die Kraft des Gegners größer ist, gib nach!             3. Wenn der Gegner sich löste, dann folge ihm!
    3. Zieht der Gegner sich zurück, folge!

Im WT-Verständnis wird mit dem 3 Kampfprinzip „Wenn die Kraft des Gegners größer ist, gib nach!“ die Grundlage gelegt für „weiches“ und „nachgiebiges“ WingTsun, wie es seit der Markteinführung in Deutschland und Europa seit Mitte der 70er Jahre immer dargestellt wurde.

Mit der Entwicklung dieser Idee des „weichen“ WingTsun wurde – und wird noch immer – behauptet, man könne sich die Energie des Gegners dadurch zunutze machen, dass man die Energie (kinetische Energie ) des Gegners aufnimmt, um sich dann von der Kraft des Gegners wenden zu lassen. Dazu wurde in den 90er Jahren eine Unterscheidung zwischen „Traditionalisten“ und „Reformern“ vorgenommen, um den Unterschied innerhalb des Wing Chun darzustellen.

Ein ganz wesentliches Merkmal für die unterschiedlichen Ansätze war die Ausführung der Wendung bei „Traditionalisten“ und „Reformern“. In einer Darstellung der Unterschiede in den Richtungen, die allerdings nur eine grobe Verallgemeinerung darstellt, heißt es über die Wendung[29]:

„Traditionalisten

Manche benutzen den Mittelpunkt, manche die Hacken als Achse, um auf beiden Füßen gleichzeitig zu wenden.

Reformer

Sie drehen auf der Mitte der Sohle und zwar einen Fuß nach dem anderen.“

Genau so wird heutzutage im WingTsun-System immer noch gewendet. Ein Fuß nach dem anderen.

Dieses Prinzip der „passiven“ Wendung wird ein wenig anschaulich durch folgende Grafik (Zeichnung grob vereinfacht vom Autor):

 http://www.ipmanwingchun.org/images/WT-Prinzip.jpg

Das Resultat dieser passiven Wendung ist, dass der WingTsun-Anwender sich so genau an den Gegner anpasst, dass der Gegner eigentlich derjenige ist, der die korrekte Technik des WT-Anwenders hervorbringt. So viel zur idealen Theorie.

Im Unterschied dazu wird im Ip Man Wing Chun so gewendet, wie es die „Traditionalisten“ tun. Es wird auf der Hacke, mit beiden Füßen gleichzeitig gewendet:

 http://www.ipmanwingchun.org/images/Ip%20Man-Prinzip.jpg

Die „aktive“ Wendung verfolgt das Ziel, die ankommende kinetische Energie eines Angriffes von der eigenen Zentrallinie abzulenken.

Es heißt in dem bereits zitierten Artikel[30]:

„Die beiden Seiten („Traditionalisten“ und „Reformer“) haben einen unterschiedlichen Stand und unterschiedliche Methoden zu wenden. Das führt dazu, daß auch ihre Interpretation der 詠春-Prinzipien sehr stark voneinander abweichen. Die Theorie der damit verbundenen Folgen ist sehr kompliziert und wird nicht in Einzelheiten erklärt.“

Eine mögliche Erklärung hierzu findet man in einem kurzen Artikel von Shaun Rawcliff über die Zentrallinientheorie, in dem es heißt:

„Die Zentrallinie ist in Wahrheit nicht einfach eine Linie, sonder besteht aus mehreren imaginären Linien und Ebenen, die in Verbindung mit verschiedenen Konzepten und Prinzipien eine wichtigen Teil des Wing Chun-Systems ausmachen.

Sick Jeen

Dies lässt sich als „gerade Linie“ übersetzen und kann als eine imaginäre Linie betrachtet werden, die vertikal durch die Mitte des Körpers verläuft[31]. Indem man direkt auf die Sick Jeen schlägt, muss der Körper des Gegners die volle Kraft des Schlages aufnehmen, wenn der Schlag dagegen seitlich der Sick Jeen auftrifft, wir die Auftreffenergie den Körper bestenfalls dazu bringen, sich wegzudrehen, wobei er um die Sick Jeen rotiert. Dadurch wird der Effekt des Schlages reduziert, und es ist durchaus möglich, dass der Gegner den resultierenden Dreheffekt benutzt, um die Kraft seines eigenen Gegenangriffes zu erhöhen.“ [32]

Dies lässt sich aber nur realisieren, wenn die Hüfte vollständig drehen kann und die Rotation tatsächlich in der Mitte des Körpers stattfindet, ohne das die Stabilität des Körpers während der Rotation erhalten bleibt. In seinem ReakTsun-Programm demonstriert Herr Kernspecht genau diese Wendung und nicht mehr die „passive“ Wendung aus seinem „traditionellen“ Programm.

Wenn das dazwischen geschobene 3. Kampfprinzip in dem Moment der Kontaktaufnahme bei einem Angriff zur Anwendung kommen soll, dann soll man es schaffen, in dem Bruchteil einer Sekunde sich an die Bewegung des Gegners anzupassen. Mit der einsetzenden Wendung aus der Richtung verschiebt sich der Körperschwerpunkt des WingTsun-Anwenders von einem Punkt zwischen den Füßen auf das hintere Standbein, was in der Praxis meistens dazu führt, dass der Verteidiger seinen stabilen Stand und die Körperstruktur verliert, die es ihm eigentlich erst ermöglichen soll, die Energie (kinetische Energie eines Angriffes) aufzunehmen und abzuleiten.

Dazu wieder Shaun Rawcliff[33]:

„Die Stärke aller Wing Chun-Techniken liegt in der korrekten Form und Struktur der jeweiligen Technik und nicht in der physischen Muskelkraft des Anwenders. Alle Wing Chun-Stände basieren auf einer Reihe von Dreiecken, die eine Dreieckspyramide bilden. Die Defensivtechniken und die gleichzeitigen Gegenangriffe formen zusammen ein Dreieck; dadurch wird eine stabile, starke und einheitliche Struktur gebildet, die wegen ihrer Form schwer zu durchdringen ist und automatisch jede ankommende Kraft ablenken. (…)

Im Wing Chun werden die oben aufgeführten Zentrallinienkonzepte und –theorien miteinander kombiniert, um den „Zentrallinienvorteil“ über den Gegner zu erlangen. Zentrallinienvorteil ist dann gegeben, wenn man in der Lage ist, die Tse M Seen[34] zu kontrollieren und den Gegner schlagen kann, ohne getroffen werden zu können. Dies wird durch das Herstellen korrekter Winkel und durch richtiges Positionieren des Körpers in Relation zum Gegner erreicht, so dass man dem Gegner zugewandt ist, er einem selbst aber nicht. Es ist von größter Wichtigkeit, dass man die Zentrallinientheorie vollkommen versteht, da sie die konzeptuelle Grundlage für das gesamte Wing Chun-System darstellt.“

Die „passive“ Wendung ermöglicht nicht das Erreichen des entscheidenden „Zentrallinienvorteils“, da der WingTsun-Anwender sich bei der „passiven“ Wendung von der Zentrallinie des Gegners ein wenig fortbewegt. Durch die Gewichtsverlagerung verschiebt sich der Körperschwerpunkt zu Ungunsten des Verteidigers zu weit nach hinten. Der Körper verliert an Stabilität. Dieser strukturelle Verlust wird von WT-Anwendern häufig durch zusätzliche Kraft oder Geschwindigkeit kompensiert.

Dies ist der Punkt, an dem das Wing Tsun-Prinzip in der Praxis tatsächlich nicht funktioniert, wenn der Gegner tatsächlich darauf aus ist, hart anzugreifen oder wenn das WingTsun-Konzept von körperlich schwächeren Personen angewendet werden soll.

Alles in Allem kommt das Wing Chun-System mit 3 einfachen Kampfprinzipien aus. Das im WT-System definierte 3. Kampfprinzip hat es nach Ip Man nicht gegeben. Man darf also annehmen, dass es nachträglich seinen Eingang in das System gefunden hat, nachdem Wing Chun im Zuge der Verbreitung des WingTsun „reformiert“ wurde. Diese Ergänzung der Kampfprinzipien um ein weiteres hatte zur Folge, dass aus der aktiven Wendung und das aktive Umlenken von kinetischer Energie die Idee des „weichen“, „nachgebenden“ WingTsun entstanden ist. Diese Interpretation vom Umgang mit „Kraft“ eines Angreifers hat aber die Effektivität keineswegs verbessert, sondern die Anwendbarkeit des Wing Chun erheblich beeinträchtigt. Die täglichen Erfahrungen mit ehemaligen WingTsun-Schülern in meinem Unterricht bestätigen dies.

 Fazit

In dem Artikel über die Gegenüberstellung von „Traditionalisten“ und „Reformern“ wird die Frage gestellt[35]:

„Wer hat recht, wer hat Unrecht?“ und der Autor des Artikels kommt zu einer ehrlichen und einfachen Aufforderung, wie man mit dem Wing Chun umzugehen hat, um das Wing Chun weiterzuentwickeln.

Tan Sao, Bong Sao und Fook Sao sind die wichtigsten Kampftechniken im 詠春. Der Stand, die Veränderung des Standes und die verschiedenen Anwendungen bilden die Grundlage für die 詠春-Prinzipien. Diese muß man beherrschen, bevor man im  詠春 fortgeschrittene Techniken beginnen kann. Wer hat also recht? Die Traditionalisten oder die Reformer? Die Antwort darauf ist nicht einfach. Wir müssen friedlich die betreffenden Prinzipien daraufhin untersuchen. Sektiererische Vorurteile oder politische Motive haben dabei keinen Platz. Wir uns (den neuen Ideen) öffnen und den richtigen Weg für 詠春 finden. So kann man 詠春 stärker machen und verbreiten.“[36]

Sich den „neuen Ideen“ des reformierten WingTsun zu öffnen hatte seit der Einführung dem WingTsun einen außerordentlichen Erfolg gebracht.

Aber aus der Analyse der Kampfprinzipien in den unterschiedlichen Konzepten ergibt sich eine offensichtliche Schwäche des „reformierten“ WingTsun, welches durch Herrn Kernspecht bis heute zu „wissenschaftlichem“ WingTsun weiter entwickelt wurde. Jenseits der „WT –Logik“ und durch die praktische Erfahrung des Vergleiches zwischen den verschiedenen Unterrichtsmethoden komme ich zu der Schlussfolgerung, dass die Axiome des WingTsun-Systems fehlerhaft sind.

Aus meiner eigenen Erfahrung mit Ihrem Unterrichtssystem und auf dem Hintergrund meines jetzigen Wissenstandes komme ich zu der Feststellung, dass das WingTsun-System die Schlüssel für das richtige Verständnis der Formen, für die Anwendung der Kampfprinzipien und damit für den effektiven Lernprozess der Schüler gar nicht unterrichtet.

Denn es zählt „ja die Methode, die sich am schnellsten erlernen lässt.“[37]

Wir können feststellen, dass „reformiertes WingTsun“ nicht mehr viel mit dem Wing Chun Ip Man´s, zu tun hat und das Verständnis der Kampfprinzipien ein völlig anderes ist. Das WingTsun ist innerhalb zweier Generationen von Ip Man über Leung Ting zu Herrn Kernspecht in eine komplett andere Richtung entwickelt worden.

Hinter dem Stil, den wir „Ip Man Wing Chun“ nennen, steht ein anderes Konzept, das den Schülern die Schlüssel für effektives Wing Chun in den Formen vermittelt. „Die Form ist der Lehrplan“ bedeutet, dass die Schlüssel für effektives Wing Chun innerhalb der Formen enthalten sind.

Das Verständnis der Kampfprinzipien im WingTsun basiert auf einem Missverständnis, das dazu führt, dass man unterschiedliche Strategien in unterschiedlichen Selbstverteidigungssituationen anwenden soll. Es wird eine Trennung von Prinzipien vorgenommen, die in einer praktischen Anwendung überhaupt keine Rolle spielen.

Wing Chun bleibt ein einfaches und effektives Selbstverteidigungssystem, welches es sogar innerhalb der rechtlichen Rahmenbedingungen ermöglicht, die „Verhältnismäßigkeit der Mittel“ beizubehalten, da das System die Fähigkeiten unterrichtet, einen Angreifer zu kontrollieren. Damit ist es auch nicht nötig, zwischen einer „proaktiven“ Handlungsweise (BlitzDefence in einem „Ritualkampf“) und einer „nachgebenden“ Handlungsweise (ReakTsun in einem „Überfall“) zu unterscheiden.

Denn „Ritualkampf“ oder „Überfall“ kann nicht vorher geplant werden, auch wenn Herr Kernspecht meint, innerhalb eines „Ritualkampfes“ dieses oder jene Verhalten eines Gegners voraussagen zu können. Für den Fall der Eskalation sollte dann der WingTsun-Anwender doch auf die fortgeschrittenen Konzepte zurückgreifen können, die der Anfänger, der „nur“ BlitzDefence kann, noch gar nicht kennt, aber für die es dann doch „5 oder 10, oder mehr Jahre“[38] braucht, um sie anzuwenden. Und wenn dann das Unterrichtskonzept vorsieht, mit dem Verweis auf das Hick´sche Gesetz, die Hälfte seiner Waffen (die zweite Hand) aufgrund der Spezialisierung wegzulassen, dann ist dies eine unzureichende Vorbereitung auf eine wirkliche Selbstverteidigungssituation.

Wenn das die Konsequenz aus BlitzDefence und ReakTsun ist, dann ist es in etwa so, als würde man zu einem Schwertkampf-Duell mit einer Steinschleuder erscheinen. Man hat nur einen Schuss zur Verfügung, der unbedingt treffen muss. Sollte der nicht treffen, dann entstehen große Probleme. Wenn Herr Kernspecht dann feststellt, dass das BlitzDefence technisch gesehen zwar sehr einfach ist, aber psychologisch sehr schwierig, dann kann man dem nur zustimmen. Allerdings sind dies selbstgemachte Schwierigkeiten innerhalb des Systems und der Lehrmethode.

Dies kann also nicht der Weg sein, ein an der „Realität orientiertes System“[39] zu entwickeln.

Die ursprüngliche Einfachheit des Ip Man Wing Chun ist im WingTsun zu einem System von „Partnerformen“ und „Programmen“ entwickelt worden, das den Lernprozess von Schülern künstlich verlängert, indem unnötige Bewegungsfolgen unterrichtet und theoretische Konzepte vermittelt werden, die mehr Verwirrung stiften als dass sie die „Komplexität der Selbstverteidigung“ reduzieren helfen.

Interessanterweise habe ich in meinem Unterricht Leute, die vom WT zu mir kommen und bisher hatte ich noch keinen Schüler, der umgekehrt vom Ip Man Wing Chun zum WingTsun wechselte.

In diesem Zusammenhang hilft nun auch nicht die Feststellung, dass tausende von Menschen dennoch WingTsun lernen. Denn allein die Größe der Organisation und das Gerede von: „Wer Erfolg hat, hat recht!“[40]  ist – wissenschaftlich gesehen - kein Argument für die Qualität des WingTsun.

Das bedeutet, dass es für eine lange Zeit keinen wirklichen Vergleichsmaßstab zwischen den Systemen gegeben hat. Und scheinbar hat es bisher noch keiner in Angriff genommen, die Grundlagen der verschiedenen Wing Chun-Systeme zu untersuchen und zu vergleichen.

Denn wissenschaftlich gesehen ist jede Ausnahme von der Regel ein Beweis für eine fehlerhafte Theorie. Also müsste Herr Kernspecht in seinem Falle überprüfen, warum jemand außerhalb des WingTsun-Systems schneller und besser das vorher definierte Wing Chun-Ziel erreicht:

„Wing Chun als praktisches Mittel der Selbstverteidigung“ anzuwenden.

Am Ende des oben zitierten Artikels stellt der Herausgeber dieser Zeitschrift eine bemerkenswerte rhethorische Frage, die den Leser in die Richtung der „Reformierten“ ziehen soll, in dem er fragt:

„Und wie hielt es der verstorbene Großmeister Yip Man selbst?“[41]

Und gleich dazu die Antwort mitliefert:

„War er nicht selbst ein Reformer, der die von Chan Wah Sun in Fatshan erlernten Techniken durch die „alten“ Techniken Leung Biks verbesserte?“ Der Herausgeber

Herausgeber ist kein geringerer als Herr Kernspecht selbst. Um die Frage des Herausgebers zu beantworten: Großmeister Ip Man hielt es selbst mit der „Aktiven“ Wendung auf beiden Hacken wie die „Traditionalisten“.

Es wäre für Herrn Kernspecht und sein WingTsun wirklich hilfreich gewesen, sich auf die „alten“ Techniken Ip Man´s zu besinnen.

Dann könnte man den „richtigen Weg für 詠春 finden. So kann man 詠春 stärker machen und verbreiten.“[42]

Es wird nur eine Frage der Zeit sein, bis sich diese Einsicht herumgesprochen hat.

Sifu Horst Drescher

 

 


[1] WingTsunWelt, Ausgabe 35, Seite 47.

[2] Nein, auch diese Aussage stimmt nicht, aber die kann hier nicht weiter diskutiert werden. Nur weil in allen Wing Chun-Systemen ebenfalls Kettenfauststöße vorkommen, bedeutet es nicht, dass alle Wing Chun-Stile auch die im WT propagierte „Universallösung“ verwenden, um einen gegnerischen Angriff zuvorzukommen.

[3] Hier wird die Reihenfolge der Kampfprinzipien plötzlich umgedreht. Ich werde das weiter unten nochmal diskutieren.

[4] WingTsunWelt, Ausgabe 34, Seite 46

[5] WingTsunWelt, Ausgabe 34, Seite 47

[6] Siehe auch noch einmal die Kritik auf Seite 12.

[7] WingTsunWelt, Ausgabe 34, Seite 84

[8] Auslassungen vom Autor. Vollständiges Zitat siehe WingTsunWelt, Ausgabe 35, Seite 44-45.

[9] Ebd. Seite 45.

[10] Das Hicksche Gesetz, auch Hick-Hyman-Gesetz, geht auf William Edmund Hick zurück, der damit 1952 den Zusammenhang zwischen Reaktionszeit und Anzahl der Wahlmöglichkeiten beschrieben hat. (…) In einfacher Näherung kann angenommen werden, dass für jede Verdoppelung der Wahlmöglichkeiten in einem Experiment die Reaktionszeit um ca. 150 ms steigt. Ausführliche Beschreibung des Hick´schen Gesetzes auf: http://de.wikipedia.org/wiki/Hicksches_Gesetz

[11] WingTsunWelt, Ausgabe 35, Seite 45-46.

[12] WingTsunWelt, Ausgabe 34, Seite 83.

[13] WingTsunWelt, Ausgabe 34, Seite 83 – 84.

[14] Siehe auch: Feldenkrais, Moshe: Der Weg zum reifen Selbst. Phänomene menschlichen Verhaltens. 2. Auflage. Junfermann, Paderborn 2002 oder Feldenkrais, Moshe: Das starke Selbst. Anleitung zur Spontaneität, Frankfurt am Main, 1. Auflage 1992.

[15] WingTsunWelt, Ausgabe 35, Seite 53. Und wie bitte weiß man, wie lange ein „Ritualkampf“ nicht außer Kontrolle gerät?

[16] WingTsunWelt, Ausgabe 35, Seite 49-50.

[17] Siehe vollständige Passage in WingTsunWelt, Ausgabe 35, Seite 53

[18] Ein weiteres Argument gegen die Behauptung, die asiatischen Lehrer hätten über das Wing Chun und ihre Formen nicht nachgedacht.

[19] Welche in der WT-Form lediglich eine angedeutete Jut Sao ist, wenn die Arme aus Lan Sao nach vorne geklappt werden. Diese Bewegung hat keine praktische Bedeutung und funktioniert so auch nicht in irgendeiner Anwendung, da Jut Sao eine Rückwärtsbewegung beinhaltet und nicht vorwärts geht! Innerhalb der WT-Logik mag dieser Aspekt keine Rolle spielen, doch wenn hier behauptet wird, dass die Kampfprinzipien in den Formen des Ip Man Wing Chun enthalten sind, spielt die Ausführung einer Bewegung eine wichtige Rolle, damit sie anwendbar bleibt.

[20] Kwok, Samuel und Massengill, Tony: Traditional Wooden Dummy. Ip Man´s Wing Chun System. Empire Books, Los Angeles 2010, S. 79.

[21] Herr Kernspecht in seinem Interview, WingTsunWelt, Ausgabe 35, Seite 54.

[22] WingTsunWelt, Ausgabe 34, Seite 46

[23] Siehe vollständige Passage in WingTsunWelt, Ausgabe 35, Seite 54

[24] Ebd.

[25] Ebd.

[26] WingTsunWelt, Ausgabe 35, Seite 54.

[27] Die Theorie der Techniken im Wing Chun sagt jedoch, dass die Tritte alle in derselben Distanz wie die Fauststöße ausgeführt werden.

[28] WingTsunWelt, Ausgabe 34, Seite 62 ff.

[29] Po Kin Wah: Wohin geht 詠春? Über die Zukunft des 詠春 aus chinesicher Sicht. In: WingTsunWelt-Spezial Nr. 1, WuShu-Verlag Kernspecht 1993, S. 104 -107.

[30] WingTsunWelt-Spezial Nr. 1, WuShu-Verlag Kernspecht 1993, S. 107

[31] Dass diese Linie „vertikal durch die Mitte des Körpers verläuft“ ist nicht ganz korrekt definiert. Diese Linie verläuft genau vertikal durch die Wirbelsäule.

[32] Shaun Rawcliff: Die Zentrallinientheorie. In: Yip Mans Ving Tsun. Betrachtungen zum 100. Geburtstag von Großmeister Yip Man. Sensei Verlag Hirneise, 3. Erweiterte Deutsche Ausgabe, April 2000. S. 62 -65. (Anmerkung des Autors: Shawn Rawcliff ist Schüler von Grandmaster Ip Chun und war auch Schüler von Samuel Kwok.)

[33] Ebd., S. 64

[34] Die Tse M Seen ist eine gedachte Ebene, die die kürzeste Verbindung zwischen der Sick Jee des Angreifers und der Sick Jeen des Verteidiger darstellt. In der Theorie von Shawn Rawcliff gibt es auch noch die Chung Sum Seen, die allgemein als die „Zentrallinie“ des Körpers gesehen wird, auf der alle „lebenswichtigen Organe“ des Körpers liegen. Der Unterschied zwischen der Sik Jeen und der Chung Sum Seen ist also der, dass die Sik Jeen die mechanische Drehachse des Körpers ist und die Chung Sum Seen der Trefferbereich, der im Kampf anvisiert wird. Man müsste diskutieren, ob die Unterscheidung dieser beiden Linien in der Praxis wichtig ist oder nicht.

[35] WingTsunWelt-Spezial Nr. 1, WuShu-Verlag Kernspecht 1993, S. 107

[36] Ebd.

[37] Siehe weiter oben.

[38] Wie zuvor schon festgestellt.

[39] Siehe Zitat weiter oben.

[40] Kernspecht, Keith Ronald (Verf. Und Hrsg.): WingTsunWelt-Spezial Nr.1, Die Geschichte des Yip-Man-Wing Chun-Stiles, Wu Shu-Verlag 1993, Seite 89.

[41] WingTsunWelt-Spezial Nr. 1, WuShu-Verlag Kernspecht 1993, S. 107

[42] Ebd.

 

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